Scham verstehen: Warum uns Komplimente manchmal unangenehm sind

Scham verstehen: Warum uns Komplimente manchmal unangenehm sind

Scham

Na, wer kennt es, dieses unangenehme Gefühl von Scham, wenn jemand einem ein Kompliment macht, etwas Nettes sagt? Nicht zu Äußerlichkeiten, sondern zu Eigenschaften, vielleicht auch Kompetenzen – solche, die ehrlich gemeint sind? Vielleicht lohnt es sich, genau hier einmal genauer hinzuschauen, wenn wir Scham verstehen möchten.

Ressourceninterview zur Stärkung des Selbstwerts

In der ersten Vorlesung des Semesters des Moduls Psychologische Gesprächskompetenz an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management starteten wir mit einem Ressourceninterview in das Modul. 

Mit Freude und viel Aufmerksamkeit widmeten sich die Studierenden dieser Aufgabe. Die Übung endet damit, dass vor dem gesamten Kurs die/der Interviewpartner:in kurz vorgestellt und damit die Ressourcen dieser Person benannt werden. „Angenehm, ganz schön – irgendwie auch unangenehm“ war die Antwort auf meine Frage, was diese Übung mit den Teilnehmenden machte. So kamen wir auf das Thema Scham und den Wert Bescheidenheit – ihr erinnert Euch an mein Winterschlaf-Thema „Die 7 Todsünden“?

Was Scham mit Bescheidenheit zu tun hat

Systemisch betrachtet drückt die Scham in diesem Kontext für mich die soziale Prägung und den Wert „Bescheidenheit“ aus. Wie gut, unterstützt dieser Wert doch, dass ich mich nicht über andere erhebe (Todsünde „Hochmut“). Was jedoch diese Prägung auch mit sich bringt, ist möglicherweise auch ein „sich häufig zurücknehmen“, „sich nicht anerkennen“ und sich seines eigenen Wertes nicht bewusst zu sein bzw. bewusst sein zu dürfen. 

Ich erlebe häufig, dass gerade Frauen sich damit (noch) schwer tun, zu sich und ihrem Wert – auch nach außen – zu stehen, dazu gehört auch das stolz auf sich sein dazu. Ich erinnere mich hier an einen alten Poesie-Album-Spruch: „Sei wie das Veilchen im Moose, sittsam, bescheiden und rein, nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.“ Innerlich schüttelt es mich beim Lesen. 

Zwischen Bescheidenheit und Stolz: eine systemische Perspektive auf Scham

Bescheidenheit ist für mich ein typischer Wert unserer Gesellschaft und Kultur. Grundsätzlich absolut unterstützenswert, da wir uns auf diese Weise einander leichter auf Augenhöhe begegnen können. Nehmen wir uns jedoch zu sehr zurück, achten wir uns jedoch nicht selbst und stehen zu unseren Kompetenzen und Eigenschaften, laufen wir vielleicht Gefahr, in einer Welt von Individualisten unterzugehen. Das Gefühl von Scham entsteht häufig dort, wo soziale Werte wie Bescheidenheit sehr stark verinnerlicht sind.

In der Systemischen Beratung geht es häufig darum, einen neuen Umgang mit Scham zu entwickeln. Wir unterstützen gern die Gleichzeitigkeit von Dingen oder auch das parallele Existieren innerer Anteile: Es darf somit die Bescheidenheit geben und gleichzeitig auch den Stolz und das innere Bewusstsein, dass du gut so bist wie du bist und viele Kompetenzen in Dir trägst. 

Wenn Dir aktuell Komplimente oder Ressourcenduschen extrem unangenehm sind, wie wäre es mit einem leichten Lächeln, einatmen, ausatmen und einem Dankeschön in Richtung Deines Gegenübers?

Ich hatte Glück, ich habe dies von meinem Unifreund Michael vor über 20 Jahren (!) lernen dürfen. 

Sollte in Dir weiterhin die Scham überwiegen und das innere Stresserleben häufig sehr groß sein, melde Dich gern. Systemische Beratung und Coaching – gern auch in Verbindung mit PEP, der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie – kann Dir dabei helfen Dein Schamgefühl besser zu verstehen und einen anderen Umgang mit diesem zu ermöglichen.

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