Die brave Tochter

Die brave Tochter

Die brave Tochter

Viele Frauen, mit denen ich spreche, unabhängig von ihrem Alter, sind auf der Suche nach sich selbst. Sie beginnen oft erst dann, sich zu fragen, was sie wirklich wollen, wenn grundlegende Bedürfnisse wie finanzielle Sicherheit, Familie, beruflicher Erfolg, Partnerschaft etc. erfüllt sind. Plötzlich stehen sie da, am Scheideweg ihres Lebens, und fragen sich: „Soll das alles sein?“ Ein guter Freund empfahl mir das Buch „Das Brave-Tochter-Syndrom“. Kurz entschlossen bestellte ich das Buch (2019), begierig darauf, mehr zu erfahren und vielleicht auch ein Stück weit mich und meine eigene Geschichte zu reflektieren. Jedoch soll es hier in diesem Artikel natürlich nicht nur um mich gehen, sondern ich möchte vielmehr auch andere zur Reflexion anregen. 

Gibt es auch brave Söhne?

In meiner Arbeit treffe ich vorwiegend auf Frauen, die sich obige Frage stellen, jedoch muss es sich nicht nur um brave Mädchen handeln, sondern das „Brave-Tochter-Syndrom“ kann gewiss auch auf andere Geschlechter übertragen werden. Grundsätzlich bin ich eine Freundin davon, kein spezielles Geschlecht hervorzuheben. In diesem Fall kenne ich mehr Frauen als Männer, die bestimmte Phänomene hervorbringen oder teilweise darunter sogar leiden. Sollte es Männern ähnlich gehen oder Männer sich ähnliche Fragen stellen, freue ich mich über Nachrichten mit einer solchen Perspektive.

Was will ich eigentlich wirklich?

Im Gespräch mit meinem guten Freund ging es vor allem darum, dass Frauen oftmals nicht zu sich selbst, ihren Fähigkeiten, Kompetenzen und Bedürfnissen stehen können. Ich erzählte, dass ich über meine Tätigkeit als Systemische Beraterin immer wieder mit Frauen ins Gespräch komme, die aktuell auf der Suche nach sich selbst sind. Ganz gleich welchen Alters, ob Ende 30, Ende 40, Anfang oder Mitte 50, sie stellen sich erst spät, wenn sie schon zahlreiche Schritte auf ihrem beruflichen Weg gegangen sind, die Frage, was sie wirklich wollen. Häufig ist dies erst möglich, wenn es den Frauen so gut geht, dass ihre Grundbedürfnisse gestillt sind und darauf die Frage folgt: „Soll das alles sein?“, „Was möchte ich wirklich tun?“ oder ein Wunsch nach einer Tätigkeit mit mehr Sinn entsteht, in der die eigenen Werte gelebt werden können.

„Ich will doch nur, dass es Dir gut geht!“

Vielleicht kommt Dir folgendes Phänomen bekannt vor? Unsere Mutter neigt dazu, uns „Gutes“ zu tun, in dem sie ganz vorzüglich kocht und uns immer wieder mit einer Vielzahl von Köstlichkeiten und Süßigkeiten beglückt. Das ist sehr liebevoll (gemeint). Jedoch geht dies nicht selten über unser Bedürfnis hinaus. Oftmals haben wir – meine Schwester und ich – keinen Hunger mehr und lehnen ab. Meiner Schwester fällt dieses etwas leichter als mir. Mir wiederum nicht.

Nachdem ich das Buch oben zu lesen begann, wurde es mir in einer meiner frühmorgendlichen Routinen der Espresso-Reflexion klar. Auch ich scheine eine solche brave Tochter zu sein oder zumindest noch Anteile von dieser in mir zu tragen. Gerade in Bezug auf unsere Mutter gerate ich immer wieder in einen kleinen inneren Konflikt, da ich liebgemeinte Unterstützung und vor allem Ratschläge ablehne. Ich vermute, dass dieser innere Konflikt darin seinen Ursprung hat, dass ich sie nicht enttäuschen und mich brav verhalten sollte. Bei diesen Formulierungen schaudert es mich innerlich ein wenig. Kommt Dir dies bekannt vor?

Die gute Absicht

Heute als erwachsener Mensch und zudem Systemikerin kann ich anerkennen, dass jede:r aus bestem Wissen und Gewissen, aus der eigenen Perspektive heraus mit guter Absicht gehandelt und die Erziehung geprägt hat. Wären meine Eltern nicht so wie sie sind, wäre ich heute vielleicht nicht so wie ich bin und zukünftig sein werde. Auch wenn es als Kind und Jugendliche nicht immer leicht war. Wie sagte unsere Achtsamkeitstrainerin „Es ist so wie es ist…“. Gerade das Ablösen vom Elternhaus, eigene Werte, Muster und Verhaltensweisen zu entwickeln, gehört für mich zum Erwachsenwerden dazu und ist vielleicht der wichtigste Prozess unseres Lebens.

Zum Ablösen und zum Erwachsenwerden gehört für mich die Akzeptanz der unabänderlichen Vergangenheit, das Leben im Hier und Jetzt und das bewusste Gestalten der eigenen Zukunft und damit des eigenen Glückes dazu.

Unser familiäres Erbe

In einem Gespräch mit einem anderen weiblichen Familienmitglied der älteren Generation sprachen wir über unser emotionales Erbe, über Verhaltensweisen, Regeln und Muster, die wir durch Erziehung und Sozialisation uns angeeignet haben. Im Gespräch ist mir aufgefallen, ganz gleich, welche Frau man in dem Familienstrang unserer Mutter näher betrachtet, wir alle haben eine gutmütige, gebende Art in uns. Was es Positives mit sich bringt? Wir fügen uns gut ein, sind gut im Kontakt mit anderen Menschen und werden als herzlich, freundlich und sehr sozial wahrgenommen und geschätzt. Soziale Anerkennung ist die positive Wirkung des Verhaltens. Die Kehrseite der braven Tochter jedoch ist, dass bei all der Fürsorge für andere, man selbst ein wenig in Vergessenheit gerät.

Ich selbst bin damit aufgewachsen, von christlichen Werten geprägt, dass Egoismus eine schlechte Eigenschaft sei. Jedoch gab es nie etwas dazwischen, etwas zwischen Egoismus und Aufopferung. In einer Welt, in der das Individuum häufig gestärkt wird oder beinahe wichtiger ist als das Kollektiv, wird es für die brave Tochter jedoch immer schwieriger, sich selbst in den Fokus zu rücken.

Wie können wir eigene Grenzen erkennen, diese im Kontakt mit anderen wahren, Bedürfnisse ansprechen und nach ihnen unser Leben ausrichten?

Sich selbst zu lieben lernen

Heute als erwachsene Frau erkenne ich genau das, also die gesunde Form des Narzissmus oder auch ein ausgewogener Egoismus, als den Schlüssel zu einem zufriedenen Leben im Einklang mit anderen an. Meine These dazu ist:

Erst wenn wir uns ausreichend Liebe schenken, können wir auch wahre Liebe zurückgeben.

Das Buch „Das brave Tochter-Syndrom“ bestätigt dies und beschreibt, dass Frauen häufig geben, um eben Liebe und Anerkennung in Form von Dankbarkeit und Bindung zurückerhalten. Das mag kurzfristig vielleicht nach Glück ausschauen, führt mittel- und langfristig jedoch eher zur Abhängigkeit von der Bestätigung durch andere. Das Unglück ist vorprogrammiert.

Die brave Tochter wird erwachsen

Vielleicht kennst auch du das „Brave Tochter-Syndrom“ und es hilft es Dir, zu wissen, dass du nicht allein mit Deinen Gedanken und damit einhergehenden inneren Konflikten dastehst. Verhalten und Denkweisen müssen nicht so bleiben wie sie sind, wir können uns verändern und entwickeln. Auch die brave Tochter in Dir kann erwachsen werden.

Höre dazu gern in die Podcast-Folge zum Inneren Kompass hinein. Darin geht es vor allem um das Auflösen von Konflikten in unserem Inneren:

Fragen zur Selbstreflexion

  • Wieviel „brave Tochter“ steckt aktuell (noch) in Dir?
  • Wann ist sie präsenter, wann weniger präsent? 
  • Wo – auf dem Weg – zur erwachsenen Frau befindest du Dich gerade? 

Stell Dir vor, du bist weiterhin rücksichtsvoll und im guten Kontakt mit anderen. Du lebst diese Werte, die gesellschaftliches Zusammenleben angenehm gestalten. Jedoch verhältst du Dich nicht mehr aufopfernd, überschreitest nicht mehr Deine eigenen Grenzen und richtest vor allem Dein Leben nach Deinen Bedürfnissen aus.

  • Wie klingt das für Dich? Glaub mir, du darfst das – du musst gar nichts. Niemand außer Dir selbst kann Dir das Leben bereiten, welches du Dir vorstellst.  
  • Was meinst du, braucht es noch, um den nächsten Schritt zu gehen? Wie kannst du Dich vom Alten verabschieden und neue Pfade, Deine eigenen, betreten und endlich „Dein Ding“ machen? Ganz gleich in welchem Deiner Lebensbereiche? 

Mut zur Veränderung

Oftmals ist es gar nicht so leicht, Verhalten neu auszurichten. Gerade solches, welches wir in der frühen Kindheit als festes Programm etabliert haben. Unmöglich ist es jedoch nicht, ganz gleich, wie alt du bist und an welcher Stelle Deines Lebens du Dich aktuell aufhältst. Es lohnt sich immer zu prüfen, ob ein anderer Pfad Dich in Richtung eines zufriedeneren vielleicht sogar gelingenden Lebens führt. 

Du kannst jederzeit ein Beratungsgespräch oder Coaching bei mir buchen. Wir könnten zum Beispiel Dein Genogramm erarbeiten, Deine Biografie näher anschauen und Dein Wertesystem gemeinsam reflektieren. Vielleicht mit dem Ziel Deinen inneren Kompass neu auszurichten. Möchtest du Deine eigene Geschichte mit mir teilen und wünschst Unterstützung, schreibe mir gern eine Nachricht

*Version 1 des Artikels ist am 25. August 2019 erschienen, wurde im April 2020 und Nov. 2025 überarbeitet.*

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