Sucht hat viele Gesichter – ein systemischer Blick auf Abhängigkeit und ihre Bedeutung
Wer Sucht ausschließlich als Krankheit oder Defekt versteht, übersieht häufig die Funktion, die suchthaftes Verhalten im Leben eines Menschen erfüllen kann. Dieser Artikel beleuchtet unterschiedliche Formen von Sucht, ordnet diagnostische Kriterien ein, zeigt Zusammenhänge mit psychischer Gesundheit auf und eröffnet schließlich einen systemisch-hypnosystemischen Blick auf Abhängigkeit als einen – wenn auch problematischen – Lösungsversuch.
Sucht als vielschichtiges Phänomen
Sucht ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern tritt in unterschiedlichen Formen auf. Grundsätzlich lassen sich stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Süchte unterscheiden.
- Stoffgebundene Süchte entstehen durch den Konsum von Substanzen wie Alkohol, Nikotin, illegalen Drogen oder auch Medikamenten.
- Nicht-stoffgebundene Süchte, auch als Verhaltenssüchte bezeichnet, zeigen sich in zwanghaften Handlungen wie Glücksspiel, exzessiver Internetnutzung, Kaufsucht oder Arbeitssucht.
Beiden Formen gemeinsam sind Merkmale wie Kontrollverlust, starkes Verlangen (Craving) und häufig erhebliche Beeinträchtigungen im privaten, beruflichen oder sozialen Alltag.
Diagnostische Einordnung: Schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit
Im ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird zwischen schädlichen Konsummustern und dem Abhängigkeitssyndrom unterschieden.
- Schädliche Konsummuster beschreiben einen Substanzgebrauch, der mit gesundheitlichen oder psychosozialen Beeinträchtigungen einhergeht, ohne dass bereits eine Abhängigkeit vorliegt.
- Das Abhängigkeitssyndrom ist hingegen gekennzeichnet durch anhaltenden Kontrollverlust, starkes Verlangen, Toleranzentwicklung und häufig auch Entzugssymptome.
Diese Differenzierung ermöglicht es, problematischen Konsum differenziert zu betrachten, ohne ihn vorschnell zu pathologisieren, und bildet die Grundlage für gezielte Präventions- und Interventionsmaßnahmen.
Selbstcheck: Wann liegt eine Abhängigkeit vor?
Von einer Substanzabhängigkeit wird gesprochen, wenn mindestens drei (in manchen Klassifikationen vier) der folgenden Kriterien im vergangenen Jahr erfüllt waren:
- Starkes Verlangen, die Substanz zu konsumieren
- Verminderte Kontrolle über Beginn, Menge oder Beendigung des Konsums
- Körperliche Entzugserscheinungen bei Reduktion oder Absetzen
- Toleranzentwicklung gegenüber der Wirkung
- Aufgabe oder Vernachlässigung wichtiger Aktivitäten zugunsten des Konsums
- Fortgesetzter Gebrauch trotz bekannter körperlicher oder psychischer Schäden
Substanzmissbrauch liegt bereits dann vor, wenn der Konsum zu nachweislichen Gesundheitsschädigungen führt.
Sucht, Depression und Suizidalität: Eine enge Verflechtung
Nicht zu unterschätzen ist der Zusammenhang zwischen Substanzkonsumstörungen, Depressionen und Suizidalität. Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an depressiven Störungen zu erkranken. Umgekehrt treten Suchterkrankungen bei Menschen mit Depressionen häufiger auf – eine sogenannte Komorbidität.
Mögliche Ursachen sind unter anderem:
- neurobiologische Veränderungen durch Substanzeinfluss
- psychosoziale Belastungen
- genetische Vulnerabilitäten
Diese Wechselwirkungen verdeutlichen, dass Sucht selten isoliert betrachtet werden kann.
Ein anderer Blick auf Sucht: Die hypnosystemische Perspektive
Der Hypnosystemiker Gunther Schmidt lädt in seinem Buch „Liebesaffären zwischen Problem und Lösung“ zu einem erweiterten Verständnis von Sucht und Abhängigkeit ein. Er betrachtet Suchterkrankungen nicht primär als Defekt oder rein medizinische Störung, sondern als sinnvolle – wenn auch problematische – Lösungsversuche für individuelle oder zwischenmenschliche Herausforderungen.
Aus hypnosystemischer Sicht gilt:
- Suchtverhalten dient häufig der kurzfristigen Regulation innerer Spannungen, Belastungen oder unerfüllter Bedürfnisse.
- Symptome werden als Kommunikationssignale des gesamten Systems (Person, Beziehungen, Umfeld) verstanden – nicht als isoliertes Problem.
- Veränderung entsteht durch Ressourcenstärkung, das Eröffnen neuer Handlungsoptionen und die Einbeziehung des sozialen Umfelds – nicht durch Druck oder Konfrontation.
Zentrale Elemente nachhaltiger Veränderung sind dabei Würde, Selbstwirksamkeit und kooperative Lösungsfindung.
Eine systemische Haltung: Weg von Bewertung, hin zu Verständnis
Für mich bedeutet dieser Ansatz, mich bewusst von Be- und Abwertung gegenüber suchtkranken Menschen zu lösen und ihnen empathisch, offen und forschend zu begegnen. In der systemischen Arbeit erkennen wir auch scheinbar „abstruse“ Lösungsversuche als solche an – als Versuche, mit schwierigen inneren oder äußeren Zuständen umzugehen. Gleichzeitig suchen wir gemeinsam nach alternativen Wegen, die nicht zu weiteren Folgeproblemen oder gesundheitlichen Schädigungen führen, wie es bei Suchtverhalten häufig der Fall ist.
Als MHFA-Ersthelferin, systemische Beraterin und Mental Health Aktivistin setze ich mich dafür ein, dass wir über mentale Gesundheit sprechen – offener, früher und ohne Angst vor Ablehnung. Ich freue mich, wenn du Deine Gedanken zum Thema teilst und diesen Beitrag zur Aufklärung auch an Dein Netzwerk weiterleitest. Bei Fragen oder Unterstützungsbedarf sende mir eine Nachricht.
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