Digitale Inklusion: Mehr Teilhabe weniger digitale Ausgrenzung
Wenn der Alltag zur Hürde wird
Die Digitalisierung verspricht uns Tempo, Effizienz und Barrierefreiheit. Doch für Millionen von Menschen – insbesondere ältere Erwachsene – bedeutet der rasante Wandel im Alltag oft das Gegenteil: Überforderung, Kontrollverlust und manchmal auch das schmerzhafte Gefühl, in einer zunehmend technologiezentrierten Welt nicht mehr mitgedacht zu werden.
Die bundesweite Befragung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) unter dem Titel „Leben ohne Internet – geht’s noch?“ (über 2.300 Befragte ab 60 Jahren) zeichnet ein für mich betrübliches Bild. Betroffen sind längst nicht nur Menschen ganz ohne Internetanschluss (von der BAGSO auch „Offliner“ genannt), sondern auch jene, deren digitale Kompetenzen für immer komplexere Portale, Apps und Sicherheitsverfahren nicht mehr ausreichen.
Die digitalen Stolpersteine des Alltags
Die BAGSO-Studie identifizierte zentrale Lebensbereiche, in denen analoge Alternativen ersatzlos gestrichen werden:
- Gesundheit & Pflege: Facharztpraxen sind telefonisch kaum erreichbar und verweisen auf Online-Buchungssysteme. Rezepte und Anträge wandern in Apps.
- Behörden & Bürgerdienste: Von der Steuererklärung bis zur Passbeantragung werden Bürgerinnen und Bürger zu digitalen Wegen verpflichtet.
- Finanzen & Mobilität: Bankfilialen und Fahrkartenschalter schließen; Papierüberweisungen oder persönliche Tickets sind oft teurer oder gar nicht mehr verfügbar.
- Information & gesellschaftliche Teilhabe: Medien verweisen zunehmend auf Online-Zusatzangebote, wodurch vertiefende politische und kulturelle Partizipation erschwert wird.
Die psychischen Folgen: Vom Technikproblem zum seelischen Leiden
Hinter jedem geschlossenen Schalter und jedem Pflicht-Login steht ein Mensch, der sich – mehr oder weniger bewusst – in seiner Selbstwirksamkeit bedroht fühlt, insbesondere dann, wenn keine Angehörigen, Nachbarn oder andere soziale Kontakte unterstützen können.
Der erzwungene Verlust von Autonomie kann die Psyche der Betroffenen belasten: Wer alltägliche Angelegenheiten wie eine Überweisung oder einen Arzttermin nicht mehr eigenständig erledigen kann, fühlt sich plötzlich hilflos und von Dritten abhängig. Zudem kann das Gefühl an simplen Alltagsanforderungen zu scheitern, Scham aufkommen lassen und am Selbstwertgefühl nagen.
Nicht selten zieht sich diese Personengruppe, die mit den Zugangswegen nicht Schritt halten kann, nach und nach aus Kultur, Vereinen und Diskursen zurück und vereinsamt zunehmend.
Die gesellschaftlichen “Folgekosten”
Chronische Einsamkeit und sozialer Ausschluss sind dabei keine rein individuellen Schicksale. Chronischer Stress schwächt das Immunsystem, begünstigt Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und kognitiven Abbau, dadurch entstehen messbare volkswirtschaftliche und gesundheitliche Folgekosten. Und wie war das noch gleich? Im Grunde sollte die Digitalisierung Kosten reduzieren, jedoch werden neue Kosten dadurch produziert, dass Menschen durch digitale Exklusion erkranken.
Ein möglicher Lösungsansatz
Neben Angeboten von Initiativen wie die “Silver Surfer” sollten meiner Meinung nach Institutionen und Wirtschaft die verschiedenen Nutzungsgruppen im digitalen Wandel berücksichtigen. Die Befähigung steht für mich hier immer am Anfang. Es geht dabei nicht darum, dass jede Person jede Technologie perfekt beherrschen muss. Sie bedeutet, dass wir als Gesellschaft resilient genug sind, technologischen Wandel menschenzentriert zu gestalten.
Das gelingt über drei Säulen – wie übrigens in jedem IT-Projekt:
- Kompetenzen mit Geduld & Empathie vermitteln: Technik muss so erklärt werden, dass sie Nutzer:innen befähigt und ermutigt. Bestenfalls in adressatengerechter Sprache, im individuellen Lerntempo und mit generationenübergreifender Wertschätzung.
- Berührungsängste abbauen: Wir brauchen sichere Erfahrungsräume, in denen Fragen gestellt und Fehler gemacht werden dürfen, ohne dass Scham entsteht.
- Und wie wäre es, wenn analoge Brücken gebaut werden – zumindest in der Übergangsphase – um Menschlichkeit zu wahren? Es braucht weiterhin persönliche Ansprechpartner:innen, telefonische Erreichbarkeit und Papierformulare, insbesondere für die Personengruppen, die keine nahestehenden Verwandten, Nachbarn, digital kompetente Freund:innen haben.
Resümee
Ich sag es gern und immer wieder: Die Digitalisierung sollte dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Wenn wir den technologischen Fortschritt mit gesellschaftlicher Fürsorge und mentaler Gesundheit koppeln, tragen wir zum Wichtigsten – zum gesellschaftlichen Zusammenhalt – bei.
Wie erlebst du das im Alltag oder im eigenen Umfeld? Welche Brücke baust du ganz persönlich zwischen analog und digital?
🔗 Zur Studie: https://www.bagso.de/themen/digitalisierung/leben-ohne-internet/
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